Detail

Lese-Empfehlung & Solidaritätserklärung mit der Bildungsinitiative Queerformat gegen Angriffe gegen die Akzeptanz geschlechtlicher und sexueller Vielfalt

Lese-Empfehlung

Die geschätzten Kolleg*innen der Bildungsinitiative QUEERFORMAT haben eine Broschüre mit dem Titel ‚Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Themen frühkindlicher Pädagogik‘ herausgebracht. Die Tatsache, dass die erste Auflage der Print-Ausgabe (2000 Stück) kurz nach dem Erscheinungsdatum bereits vergriffen ist, verweist auf den großen Bedarf. Die Broschüre kann derzeit in digitaler Version kostenfrei heruntergeladen werden unter: http://www.queerformat.de/material/QF-Kita-Handreichung-2018.pdf.

Wir möchten diese Broschüre Fachkräften sehr ans Herz legen. Sie bearbeitet in klarer Sprache wichtige Themen rund um geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in der Kita. Unter anderem werden Grundlagen des Themas aus menschenrechtlicher Perspektive erklärt, es gibt je eigene Artikel zu Kindern aus Regenbogenfamilien, intergeschlechtlichen Kindern, transgeschlechtlichen Kindern und geschlechternonkonformem Verhalten von Kindern. Außerdem wird kindergerechtes Material besprochen (vor allem Bilderbücher) und es gibt Werkzeuge, um die eigene Kita-Praxis zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Die Broschüre kombiniert in gelungener Weise Impulse aus der Forschung mit ganz praktischen Handlungsempfehlungen.

Solidaritätserklärung

Wie es leider in den letzten Jahren zur Normalität geworden ist, wird auch diese Broschüre nun von verschiedenen Seiten angegriffen. Die Vielfalts-Gegner_innen von Demo für Alle und CitizenGo haben eine Petition zur Einstampfung der Broschüre gestartet und bereits mehrere 10.000 Unterschriften gesammelt. Die CDU-Fraktion im Berliner Senat hat einen Antrag gestellt, die Broschüre zurückzuziehen und die Verteilung zu stoppen. Und die B.Z. titelt mit den üblichen reißerischen Schlagzeilen („Berliner Senat verteilt Sex-Broschüre für Kita-Kinder“) fern jeglicher Realität. Wir setzen hier bewusst keine Links, um den entsprechenden Seiten nicht unnötig geldwerte Clicks zu verschaffen. Wer sich weiter informieren möchte, findet sie unaufwändig mit einer Suchmaschine eigener Wahl.

Wir möchten daher den Kolleg*innen von QUEERFORMAT unsere Solidarität aussprechen ebenso wie allen anderen, die reflektiert zu diesen Themen arbeiten und von den Angriffen ihre Arbeit erschwert bekommen.

Schon so ist die Arbeit für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt oft ziemlich mäßig ausgestattet und findet unter herausfordernden Bedingungen statt. Die Angriffe haben nicht das Ziel, Kinder zu schützen. Sie sind offen verleumderisch. Ein einziger Blick in die Broschüre offenbart, dass sie sich weder an Kinder richtet, noch einen sexualpädagogischen Inhalt hat. Vielmehr werden Ängste mobilisiert, um Menschen gegen Antidiskriminierungsarbeit einzunehmen, um Respekt vor den Grenzen von Kindern gegen den Schutz vor Diskriminierung rund um Geschlecht und sexuelle Orientierung auszuspielen.

Darüber hinaus geht es in dieser Broschüre zwar tatsächlich überhaupt nicht um Sex. Aber auch altersgerechte sexualpädagogische Ansätze sind wichtig für die Entwicklung von Kindern, sowohl für die Prävention sexualisierter Gewalt als auch für die Entwicklung eines positiven und grenzachtenden Umgangs mit dem eigenen Körper und den eigenen Wünschen und Begehren. Es wäre also auch nichts auszusetzen an einer Broschüre, die fachlich kompetent und grenzachtend sexualpädagogische Konzepte für die Arbeit mit Kindern bespräche.

Wir halten es für wichtig, dass sich Eltern dafür interessieren, welche Angebote ihren Kindern in pädagogischen Institutionen und darüber hinaus gemacht werden. Und dass sie dabei auch kritisch darauf schauen, wie mit den Grenzen ihrer Kinder umgegangen wird. Die angegriffene Broschüre wiederum ist gerade darauf ausgerichtet, eine Pädagogik zu unterstützen, die die Selbstbestimmung von Kindern fördert und dabei auch einfühlsam mit den Ängsten von Eltern umgeht.

Eine solche Pädagogik ist immer selbstreflexiv. Sie hört nie auf zu denken und sich selbst kritisch zu befragen und sich infolgedessen immer weiter zu entwickeln. Konstruktive Fragen, denen es wirklich um das Wohl der Kinder geht, sind ihr daher immer willkommen und es gibt auch immer wieder Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf Begriffe, theoretische Hintergründe und konkrete Vorgehensweisen in herausfordernden Situationen. Solche Debatten halten wir für sehr konstruktiv. Dafür lohnt es sich, die Broschüre zu lesen und gleichzeitig diesen Angriffen geschlossen entgegen zu treten, die eine solche Pädagogik zur Förderung von Selbstbestimmung und Grenzachtung verhindern wollen.

Zuletzt aktualisiert am 12.09.2019